Ich mache das für mich – und somit für uns
Motivation und Ausgangshaltung in der Paartherapie
Nicht Diagnose, sondern Muster
Der Begriff Paartherapie lässt es zu, über beide Teile des Wortes zu stolpern. Der zweite Teil „Therapie" ist nur bedingt zutreffend, da es meist nicht um pathologische, sondern um Kommunikations- und Verhaltensmuster geht, die den zwischenmenschlichen Alltag erschweren und Bedürfnisse und Wünsche somit nicht genug Raum haben. Dies schließt pathologische Dynamiken innerhalb einer Lebensgemeinschaft nicht aus, ist aber weniger im diagnostischen Feld verankert. Vornehmlich geht es um Verhalten und Bewertungen, die zirkulär die eigene Annahme bestätigen.
Damit ist schon zu Beginn weniger nach einer Diagnose gefragt als nach der Bereitschaft, das eigene Verhalten und die eigenen Bewertungen zu betrachten.
Wer sich verändern kann
Da es zwei oder mehrere Personen sind, die sich als Lebensgemeinschaft betrachten und mit ihren jeweiligen individuellen Themen und Sichtweisen Hilfe und Beratung suchen, ist das Konstrukt „Paar" ein nicht tatsächlich therapierbares.
Veränderungsprozesse für sich selbst zuzulassen, kann bestenfalls therapeutische Effekte erzielen und somit sowohl für die Lebensgemeinschaft als auch, und das ist ein relevanter Aspekt, für die einzelne Person weitere und unentdeckte Perspektiven aufzeigen. Nicht das Konstrukt verändert sich also, sondern die Personen, die es bilden – und damit rückt die Haltung der Einzelnen in den Vordergrund.
Die Entscheidung für ein moderiertes Gespräch
Die Relevanz der einzelnen Person, sich auf einen Veränderungsprozess einzulassen, liegt in dem Erkennen des eigenen Entwicklungspotentials durch neue Impulse und Erkenntnisse, die in einem moderierten Gespräch entstehen. Um diese Möglichkeit zu realisieren, ist die Motivation und die Haltung, sich für ein moderiertes Gespräch zu entscheiden, ein hilfreicher Ansatz.
Warum Veränderung eine Aussicht braucht
Gewohnte Muster zu sehen und die Entscheidung zu treffen, den Weg der Veränderung zu gehen, bedeutet Energieaufwand. Sowohl unser Gehirn als auch unsere Physis sind darauf ausgelegt, ökonomisch zu sein und Bestehendes zu bevorzugen. Es braucht daher die Aussicht auf Belohnung, um sich auf das Abenteuer Neues und Ungewohntes einzulassen. Vor allem, da es die Gefahr unangenehmer Gedanken und Gefühle zur Folge haben kann.
So ist es ein wertvoller Hinweis an das Gehirn, dass die Erkenntnisse gewinnbringend für die eigene Entwicklung sind. Das klingt zunächst egozentrisch und selbstzentriert. Gerade sich in einem Paarsetting als handelndes Einzel zu sehen, gibt die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und jenseits des Konstrukts „Wir" dem Gegenüber aus einer souveränen Position zuzuhören.
Zuhören aus einer souveränen Position
Aus der souveränen Position als aktiver Zuhörer/aktive Zuhörerin ergibt sich die Chance, Gesagtes und Gehörtes anders, neu, fragend zu betrachten und somit zu einer neuen oder anderen Bewertung zu kommen.
Zuhören kann eine Möglichkeit sein, die eigene Dynamik wahrzunehmen. Gewohnte Worte – sowohl gesprochen als auch gehört – können auf Grund einer mithörenden Person/Therapeut*in ins Bewusstsein kommen. Dieses bewusste Wahrnehmen kann zuweilen zu einer inneren Konfrontation führen. Genau diese Konfrontation bietet die Chance, zwangsläufige Gedankengänge zu unterbrechen und Bewertungen mit einer anderen Sicht zu erweitern.
Egoismus als Motor
„Wir machen das für uns!"
„Ich mache das für uns!" oder „Ich mache das für mich und somit für uns"
Der Unterschied zwischen diesen Sätzen ist kein rein sprachlicher, sondern einer der Motivation. Um sich dem Abenteuer Veränderung und dem Wagnis der Offenbarung zu stellen, ist die Aussicht, Vorteile für sich selbst zu bekommen, ein hilfreicher Motor.
Die Lebensgemeinschaft, das heißt das „uns", als ersten und einzigen Motivationsaspekt zu benennen, lastet auf der schon beschwerten Situation und den daran Beteiligten. Sich auf Fragen und Zuhören einzulassen, ist eine Möglichkeit, Sichtweisen zu hinterfragen und Erkenntnisse in Bezug auf sich und den Partner, die Partnerin zu gewinnen. Dies kann die Perspektiven für die jeweilige Person erweitern und erleichtern, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Es sind zwei (oder drei) Personen gekommen, jede mit ihren Bedürfnissen, Wünschen und Ängsten. Diese zu erkennen und zu benennen, die eigene Motivation und die eigene Verantwortung zu formulieren, ist dabei erheblich. Dieses Benennen schafft eine variantenreiche Grundlage für Gespräche und produktive Auseinandersetzungen und ist sowohl für das Individuum als auch für das Paar gewinnbringend. Die Frage zu Beginn ist daher weniger, was mit dem Paar geschehen soll, als mit welcher Motivation und welcher Haltung die Einzelnen in das Gespräch gehen.